Wir vergleichen uns häufig mit anderen. Wir schauen darauf, was Kolleginnen und Kollegen bereits erreicht haben, wie schnell andere Entscheidungen treffen oder wie souverän jemand mit einer schwierigen Situation umgeht. Dabei entsteht leicht der Eindruck, wir müssten ebenfalls schon weiter sein.
Doch Menschen entwickeln sich unterschiedlich. Sie bringen verschiedene Erfahrungen mit, stehen vor unterschiedlichen Herausforderungen und brauchen nicht immer dieselbe Zeit, um etwas zu verstehen, zu verändern oder Neues zu lernen.
Entwicklung braucht Zeit. Und sie verläuft selten so geradlinig, wie wir es uns wünschen.
Entwicklung braucht Zeit – auch wenn wir ungeduldig werden
Wenn wir uns etwas vorgenommen haben, möchten wir meist bald Ergebnisse sehen. Wir wollen sicherer auftreten, gelassener reagieren oder eine schwierige Situation besser bewältigen. Bleibt die Veränderung aus, werden wir ungeduldig.
Vielleicht denken wir: Das müsste ich doch inzwischen können. Oder: Andere bekommen das schließlich auch hin.
Solche Gedanken erzeugen zusätzlichen Druck. Statt wahrzunehmen, was sich bereits verändert hat, richten wir den Blick auf das, was noch fehlt.
Dabei übersehen wir leicht kleine Fortschritte. Vielleicht gelingt es uns inzwischen, eine Pause einzulegen, bevor wir reagieren. Vielleicht erkennen wir früher, wann uns etwas zu viel wird. Oder wir sprechen ein Problem an, das wir früher lieber vermieden hätten.
Das sind nicht unbedingt große Schritte. Aber sie können entscheidend sein.
Vergleiche sagen wenig über unseren eigenen Weg aus
Der Blick auf andere kann inspirieren. Wir können von Menschen lernen, uns Anregungen holen und neue Möglichkeiten entdecken. Schwierig wird es, wenn wir aus dem Vergleich einen Maßstab für unseren eigenen Wert machen.
Denn wir sehen bei anderen meist nur einen Ausschnitt. Wir wissen nicht unbedingt, welche Erfahrungen sie geprägt haben, welche Unterstützung sie erhalten oder welche Schwierigkeiten sie selbst bewältigen müssen.
Trotzdem vergleichen wir häufig unser eigenes Innenleben mit dem äußeren Eindruck, den andere vermitteln.
Gerade im beruflichen Alltag kann das zu unnötigem Druck führen. Eine Führungskraft beobachtet vielleicht, wie souverän eine andere Person mit Konflikten umgeht, und zweifelt an den eigenen Fähigkeiten. Dabei kann es sein, dass die andere Person über viele Jahre Erfahrungen gesammelt hat, die ihr heute zugutekommen.
Nicht jeder Mensch muss an derselben Stelle stehen, um sich in die richtige Richtung zu entwickeln.
Was wir von einem Garten lernen können
Ein Blumenbeet besteht nicht aus Pflanzen, die alle gleichzeitig wachsen, blühen und verblühen. Manche zeigen früh ihre Blüten, andere brauchen länger. Einige entwickeln sich kräftig, andere bleiben kleiner. Und nicht jede Pflanze braucht dieselben Bedingungen.
Wir würden kaum erwarten, dass ein Garten besser wird, wenn wir an jeder Pflanze ziehen, damit sie schneller wächst.
Bei uns selbst gehen wir jedoch manchmal ähnlich vor. Wir setzen uns Fristen, vergleichen unsere Fortschritte und versuchen, Veränderungen mit Willenskraft zu beschleunigen. Wenn es nicht schnell genug geht, erhöhen wir den Druck.
Natürlich brauchen Entwicklung und Veränderung auch Anstrengung. Nicht alles lässt sich einfach abwarten. Wir müssen üben, Entscheidungen treffen und manchmal bewusst etwas anders machen als bisher.
Doch Anstrengung allein bestimmt nicht das Tempo. Manchmal brauchen wir neue Erfahrungen. Manchmal müssen wir erst verstehen, warum wir in bestimmten Situationen immer wieder ähnlich reagieren. Und manchmal ist es sinnvoll, zunächst Kraft zu sammeln, statt noch mehr von uns zu verlangen.
Zwischen Geduld und Ausweichen unterscheiden
Sich Zeit zu geben bedeutet nicht, Schwierigkeiten zu vermeiden oder jede Veränderung auf später zu verschieben.
Es geht vielmehr darum, aufmerksam zu unterscheiden: Wo brauche ich tatsächlich mehr Zeit? Und wo halte ich mich zurück, obwohl ein nächster Schritt möglich wäre?
Vielleicht fällt es uns schwer, eine Grenze zu setzen. Dann kann es hilfreich sein, zunächst zu verstehen, warum uns ein Nein so viel Überwindung kostet. Anschließend können wir ausprobieren, in einer überschaubaren Situation anders zu handeln.
Oder wir möchten als Führungskraft schwierige Gespräche sicherer führen. Dafür brauchen wir nicht von heute auf morgen vollkommen souverän zu sein. Wir können uns vorbereiten, Erfahrungen sammeln und nach einem Gespräch reflektieren, was gut gelungen ist und was wir beim nächsten Mal anders machen möchten.
Geduld heißt nicht, stehen zu bleiben. Sie bedeutet, den nächsten Schritt zu gehen, ohne von uns zu verlangen, schon am Ziel zu sein.
Den eigenen Fortschritt wahrnehmen
Vielleicht hilft es, gelegentlich andere Fragen zu stellen als die, die unseren Alltag häufig bestimmen.
Nicht nur: Was kann ich noch nicht?
Sondern auch:
- Was gelingt mir heute besser als vor einigen Monaten?
- Was habe ich über mich und meine Reaktionen gelernt?
- Wo gehe ich inzwischen anders mit einer schwierigen Situation um?
- Welcher nächste Schritt wäre für mich gerade sinnvoll und machbar?
Diese Fragen richten die Aufmerksamkeit nicht ausschließlich auf das, was fehlt. Sie helfen uns auch, die eigene Entwicklung realistischer wahrzunehmen.
Selbstführung bedeutet schließlich nicht, sich ständig zu optimieren. Sie bedeutet auch, die eigenen Möglichkeiten und Grenzen ernst zu nehmen und Verantwortung für den eigenen Weg zu übernehmen.
Welches Tempo passt gerade zu mir?
Wir können uns Ziele setzen, Gewohnheiten verändern und neue Fähigkeiten entwickeln. Aber wir müssen nicht jede Entwicklung beschleunigen und uns nicht ständig an anderen messen.
Manchmal ist ein entschlossener Schritt nötig. Manchmal ist es sinnvoll, innezuhalten, Erfahrungen wirken zu lassen und erst dann weiterzugehen.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, bei der nächsten Gelegenheit nicht zu fragen, warum wir noch nicht weiter sind. Sondern genauer hinzusehen, was bereits gewachsen ist und was unser nächster Schritt sein könnte.
Nicht alles muss gleichzeitig blühen. Entscheidend ist, dass wir unserem eigenen Entwicklungsweg Aufmerksamkeit schenken.
Im Coaching kann es darum gehen, eigene Maßstäbe zu hinterfragen, unnötigen Druck zu erkennen und herauszufinden, welche Schritte zur eigenen Situation passen.